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Interior

Interior -

A beautiful mess

Schönheit und Ästhetik in Imperfektion und Vergänglichkeit erkennen. Das ist Wabi-Sabi, der Trend der Innendekoration von 2017.

Eine farbige Treppe mit durchgetretenen Stufen. Risse in altem Geschirr. Dunkle Gebrauchspuren auf einer weichen Ledercouch. Love-worn Jeans. Eine ausgefranste Kante entlang des Ärmels des grauen Lieblingspullovers. Nicht perfekt, und gerade darum besonders schön.

Ein Auge für die Schönheit der Imperfektion haben, das ist die japanische Wabi-Sabi-Philosophie. Eine Philosophie, die – kurz gesagt – die Wertschätzung natürlicher Imperfektion und Akzeptanz der Vergänglichkeit vertritt. „Wabi“ steht für Nüchternheit, für weniger ist mehr. „Sabi“ lässt sich im weitesten Sinne übersetzen mit „Schönheit im Verlauf der Zeit“. Wabi-Sabi regt Menschen dazu an, ihre Umgebung durch die Reduzierung auf das Wesentliche zu genießen und den Wert einfacher Dinge und des Lebens so wie es ist, einschließlich der Verschleißspuren, zu erkennen. Klingt das vielleicht etwas vage? Stimmt, denn Wabi-Sabi ist vor allem ein Gefühl, etwas, das sich nur schwer beschreiben lässt. Wie der Geschmack umami. Es gibt ihn, aber seine Beschreibung ist eher unverständlich.

Das Ende von „Hygge“

War 2016 die dänische Glücksphilosophie Hygge der große Wohntrend, die neue Gemütlichkeit, sich mit einem warmen Kakao unter einer selbstgehäkelten Decke wohlig auf der Couch kuscheln, so steht 2017 ganz im Zeichen des Wabi-Sabi, oder zumindest dessen ästhetischen Aspekts des thing to do. Handgefertigtes Geschirr und Trinkbecher aus Ton mit asymmetrischen Rändern, gewebte Kissen mit einer unregelmäßigen Struktur, besondere Funde vom Flohmarkt: Alle diese Dinge haben sich einen Ehrenplatz in unserer Wohnkultur zurückerobert. Obwohl hier nicht so sehr „Einfachheit“ oder das „Weniger ist mehr“ im Mittelpunkt steht, richtet sich die ganze Aufmerksamkeit auf die Imperfektion und Schönheit von Alter und Verwitterung. Im Sinne der Wabi-Sabi-Ästhetik ist eine interessante Innenraumgestaltung daher nicht ein gradliniges, leeres Habitat-Haus mit aufgeräumten und frisch lackierten Möbeln, sondern ein etwas ungeordnetes Zuhause mit verschiedenen, augenscheinlich nicht zueinander passenden Wohnstilen mit Elementen, die durch kleine ungewöhnliche Details die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und den höchstpersönlichen Geschmack des Bewohners erkennen lassen. Ein Ort, an dem auch Erbstücke, Vintage-Möbel und Souvenirs ihren Platz haben und das Haus somit auch etwas über die Geschichte des Bewohners erzählt.

Ein solches Haus kennt Todd Selby, der seit 2008 ungewöhnliche Häuser für seinen Blog „The Selby“ fotografiert. Ein Ergebnis seiner Arbeit war beispielsweise das extrem beliebte Buch The Selby is In Your Place (2010). In seinem Blog und Buch sieht man Häuser von echten Menschen. Nicht durchgestylt, keine überstilisierte Innenfotografie, wie man sie häufig in Wohnmagazinen sieht. Seine Innenaufnahmen von Wohnräumen laden mit meterlangen Buchreihen, altmodischen Decken und Kissen auf ungemachten Betten und an Wahnsinn grenzenden Sammelsurien von Kuriositäten aller Art zum Verweilen ein. Häuser, in denen nicht alles perfekt ist, manchmal mit einer Henkeltasse und Ringen auf dem Holztisch. Gemütliche Appartements, in denen die Schminkecke, statt auf einem Frisiertisch, einfach auf dem Boden vor dem Spiegel aufgebaut ist. Häuser, in denen auch du und ich wohnen könnten, in denen tatsächlich gelebt wird.

 

 

 

Unordnung und imperfektes Styling sieht man mittlerweile vermehrt auch in Wohnmagazinen. War eine erfolgreiche Wohnproduktion vor einigen Jahren vor allem noch gradlinig und mit einem Showroom-Ambiente, ist die Illusion, dass in einem Haus gelebt wird – eine Art von Authentizität – heute viel wichtiger. Innenarchitekten wenden für das Erzielen dieser Wirkung einige Tricks an. Ein Bett wird nicht mehr im Hotelstil hergerichtet, mit messerscharfen Falten und so strammgezogenen Laken, dass man eine 5-Cent-Münze darauf springen lassen kann, sondern locker aufgeschüttelt, mit einladenden Decken und wahllos auf dem Bett drapierten flauschigen Kissen. Eine Blumenvase wird von einigen abgefallenen Blättern umrahmt, irgendwo wurde ein Schuhpaar abgestellt und auf einem Schränkchen stehen allerlei Klimbim und eine Sammlung von alten Vinylplatten. Innenarchitektin und Lifestylestylistin Moniek Visser (@moniekvisserstyling) ist beispielsweise eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Die Kulinarische Fotografie hat die gleiche Transformation vollzogen: Gerichte, die als perfekte Gemälde präsentiert wurden, sind Fotografien mit einem rustikaleren, robusteren Inszenierung gewichen, mit Brotkrümeln, einer achtlos abgelegten Serviette und halb leer gegessenen Tellern, als hätte jemand das Essen gerade noch genossen. Nicht das perfekte Bild, und darum lebendiger, attraktiver und distanzloser.

Viele Inspirationen für ein „Messy home“ und „The beauty of imperfection“ findet man auch auf Instagram (#messyhome), aber auch viele Bilder wirklich chaotischer Häuser mit herumliegenden Zeitungen, Spielzeugen und Bananenschalen. Das aber ist nicht die Unordnung und Imperfektion, die Sie suchen. Was Sie suchen, ist ein Haus, das durch seine Details Ihre persönliche Geschichte erzählt, mit abgenutzten Schränken, Schmuddelliteratur, verstaubten Spiegeln und Dingen dieser Art.

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